In einem kleinen griechischen Küstendorf betreibt Giorgos ein Restaurant. Kein großes Lokal, aber beliebt: fangfrischer Fisch, Sonne, ein Glas Wein, ein warmes Lächeln. Giorgos‘ Leben folgt einem klaren Rhythmus. Bevor die Saison beginnt, rechnet er aus, wie viel Geld er braucht, um seine Familie durch das Jahr zu bringen. Sobald er diesen Betrag verdient hat, manchmal schon im Juli, schließt er das Restaurant. Die Saison geht offiziell bis Oktober, aber Giorgos sitzt dann lieber auf seinem Balkon, spielt Bouzouki und lebt.
Was für manche nach Rückzug klingt, ist in Wirklichkeit ein stiller Ausdruck ökonomischer Klarheit und spiritueller Tiefe.
Betriebswirtschaftlich: Zielorientierte Einfachheit
Betriebswirtschaftlich gesehen ist Giorgos‘ Verhalten vollkommen rational. Er kennt seinen Finanzbedarf, optimiert seine Ressourcen und vermeidet Überproduktion. Keine Investitionen ins Ungewisse, kein Wachstumsdruck. Er lebt kosteneffizient mit klarem Ziel: genug ist genug.
Volkswirtschaftlich: Ein komplexeres Bild
Aus volkswirtschaftlicher Sicht aber scheint Giorgos eine Herausforderung zu sein. Denn: Wenn alle Menschen aufhören zu arbeiten, sobald sie genug haben, droht eine gesamtwirtschaftliche Unterauslastung. Es entsteht weniger Wertschöpfung, weniger Konsum, weniger Steuereinnahmen. Das System, das auf kontinuierlicher Produktivität und Konsum basiert, gerät ins Wanken.
Doch gerade hier lohnt sich ein zweiter Blick und eine tiefere Einsicht in den Kreislauf des Geldes.
Das Sparparadoxon: Warum weniger Konsum mehr Schaden anrichten kann
Ein zentrales Problem der modernen Volkswirtschaft ist übermäßiges Sparen. Private Haushalte und Unternehmen entziehen durch das Sparen dem Wirtschaftskreislauf Geld. Doch Geld, so zeigt die Geldtheorie, entsteht nicht von selbst nur durch Schulden. Jeder Euro, der existiert, hat seinen Ursprung in einem Kredit. Wenn niemand Schulden macht, entsteht kein neues Geld. Wenn aber gleichzeitig zu viele Menschen und Unternehmen sparen, fehlt dieses Geld im Umlauf, das bedeutet Investitionen bleiben aus, Nachfrage sinkt, Arbeitslosigkeit steigt, weil Unternehmen weniger Umsatz generieren können. Dieses Phänomen ist als Sparparadoxon bekannt.
Die Frage, die sich hier stellt, wer macht nun die Schulden? Giorgos kann nur etwas verkaufen und Geld einnehmen, wenn sich jemand anderes z.B. die Gäste bei ihm „verschulden“. Welche Rolle übernimmt Giorgos in dem ganzen Zusammenspiel?
Giorgos: Kein Schuldner, aber auch kein Sparer
Hier wird Giorgos besonders interessant:
Er spart nicht. Er hortet nichts. Was er verdient, gibt er vollständig aus. Direkt zurück in den Wirtschaftskreislauf. Er lebt nicht asketisch, aber bewusst. Er vertraut darauf, dass mit der neuen Saison, neue Gäste und somit auch neues Geld kommt, einfach, dass das Leben sich weiter entfaltet.
Er verzögert seine Ausgaben nicht, sondern bringt sie in Bewegung noch im gleichen Jahr. Genau das, was eine gesunde Volkswirtschaft braucht: Umlauf, kein Stillstand.
Wenn er vor der Saison seine Küche renovieren oder neue Tische kaufen muss, nimmt er einen Kredit auf. In diesem Moment entsteht neues Geld. Giorgos wird zum Schuldner. Das bedeutet für ihn: Im folgenden Jahr wird er mehr Geld verdienen müssen, da er seine Schulden bzw. dessen Zinsen zahlen muss. Seine Rechnung fürs kommende Jahr wird also höher sein. Er macht eine neue Finanzplanung und arbeitet nun so lange, bis er genug Geld bekommen hat.
So betrachtet ist sein Verhalten nicht nur nicht schädlich, es könnte sogar ein Muster für ökonomische Resilienz sein: ein Gleichgewicht zwischen Vertrauen in die Wirtschaft und das Leben und Konsum.
Non-Dualität: Keine Trennung, keine Schuld
Die Tiefe dieser Geschichte offenbart sich aber erst durch die Linse der Non-Dualität. Dort, wo wir gewöhnlich Gegensätze sehen: Individuum vs. System, Sparen vs. Ausgeben, Schuldner vs. Gläubiger, sieht die Non-Dualität nur ein einziges zusammenhängendes Geschehen. Es gibt keinen einzelnen Handelnden, keine getrennten Akteure, alles ist Ausdruck derselben Ganzheit.
Giorgos ist kein Held und kein Rebell. Er ist einfach da, als Teil des Ganzen. Er kämpft nicht gegen die Wirtschaft, sondern lebt als eine Facette ihrer Wahrheit. Seine Ausgaben sind nicht getrennt vom Touristeneinkommen, seine Kredite nicht getrennt vom Bankensystem. Selbst seine scheinbare Passivität indem er auf dem Balkon sitzt, ist Teil eines größeren ökonomischen, sozialen und spirituellen Zusammenhangs.
In dieser Sicht ist auch die Volkswirtschaft kein „anderes“ System, sondern eine Form, in der sich das Leben ausdrückt. Kein Gegensatz, sondern Ausdruck der Einheit.
Fazit: Vielleicht ist Giorgos genau das, was wir brauchen
Vielleicht liegt in Giorgos‘ Verhalten ein wertvoller Impuls. Nicht weil er etwas „besser“ macht, sondern weil er nicht trennt. Er lebt im Vertrauen sowohl wirtschaftlich, menschlich als auch existenziell. Er handelt nicht aus Angst oder Mangel, sondern aus Klarheit und dem Vertrauen in das Leben.
Sein Geld fließt einfach weiter nicht stockend, nicht hortend, sondern natürlich. Er nimmt, wenn er braucht. Er gibt, wenn er hat. Und so wird er durchaus zum Vorbild einer Wirtschaft, die lebt statt nur zu wachsen um zu wachsen.
Oder wie Giorgos selbst es sagen würde:
„Ich habe nie gesagt, dass ich die Wirtschaft retten will. Ich will nur nicht gegen sie leben, also spare ich nicht. Und auch nicht gegen das Leben, also genieße ich die Sonne und den Strand“
